Wenn in der Beziehung die sexuelle Anziehung fehlt – Warum wir uns körperlich oft verschließen, obwohl die Bindung sicher ist

Frau schaut verträumt

Atme erst einmal tief durch.

Vielleicht hast du dir gerade einen Tee gemacht, die Kerze angezündet und einen Moment gefunden, in dem die Welt draußen kurz stillstehen darf.

Das Thema, über das wir heute sprechen, ist eines, das oft im Verborgenen bleibt, obwohl es so viele Menschen wie eine unsichtbare Last mit sich herumtragen.

Es geht um das schmerzhafte Gefühl, wenn in einer eigentlich schönen Partnerschaft die erotische Leidenschaft fehlt und man sich körperlich einfach nicht öffnen kann.

Vielleicht kennst du das:
Du hast jahrelang an dir gearbeitet, Therapien gemacht, Kurse besucht.
Du weißt mittlerweile genau, wie sich eine sichere, gesunde Bindung anfühlt.
Und dann triffst du diesen einen Menschen. Er ist gütig, verlässlich, er hört dir zu.
Dein Verstand sagt:
„Endlich! Das ist genau das, was ich mir immer gewünscht habe. Endlich stimmen wir überein.“

Doch dann passiert etwas Merkwürdiges.

In dem Moment, in dem es ernst wird, merkst du:
Die körperliche Anziehung ist nicht da.

Trotz verlieben, fehlt die Leidenschaft.

Vielleicht empfindest du sogar ein Gefühl von Langeweile oder – viel schlimmer – einen tiefen Ekel und ein inneres Schütteln.

Währenddessen stellst du fest, dass dich das „Altbekannte“, das Schwierige, immer noch triggert.

Fragst du dich in solchen Momenten auch verzweifelt:
„Warum kann ich mich in einer gesunden Beziehung bei Sex nicht einfach fallen lassen und einfach mal Lust empfinden?“

 
 

Die kluge Strategie deiner inneren Anteile:
Warum wir Schutzmauern bauen

Lass uns zuerst eines klären:
Du bist nicht falsch.

Dein Körper ist nicht kaputt.

Er ist im Gegenteil ein hochintelligentes Wunderwerk, das gelernt hat, dich unter extremen Umständen zu schützen.

Wenn wir früh im Leben sexuelle Gewalt oder massive Grenzüberschreitungen erfahren haben, ist das für eine junge Seele eine unerträgliche Ohnmachtserfahrung. Um das zu überleben, spaltet unsere Psyche oft Anteile ab.

Es entstehen kreative, unterbewusste Anpassungen:

  1. Der souveräne Überlebensanteil:
    Viele Betroffene entwickeln ein Sexualleben, das nach außen hin sehr kraftvoll, aktiv oder sogar dominant wirkt. Das ist oft ein Schutzmechanismus: „Wenn ich die Kontrolle behalte, wenn ich die Führung übernehme, kann ich nie wieder in diese schreckliche Ohnmacht rutschen.“ Diese Form des Verlangens fühlt sich intensiv an, ist aber oft entkoppelt vom eigentlichen, verletzlichen Kern.

  2. Der bindungssuchende Anteil:
    Dieser Teil in dir sehnt sich nach Liebe und Sicherheit. Aber – und das ist der Knackpunkt – dieser Anteil durfte oft nie lernen, dass Sexualität auch sicher sein kann. Für ihn ist körperliche Nähe untrennbar mit Schmerz oder Gefahr verbunden.

Spürst du in dir auch diese zwei Welten:
Eine, die funktioniert, und eine, die sich vor Nähe eigentlich nur verstecken möchte?

Warum „Sicherheit“ dazu führen kann, dass die sexuelle Anziehung fehlt

Es klingt paradox, aber für ein traumatisiertes Nervensystem ist das Dysfunktionale oft „sicherer“.

Warum?

Weil wir darin Profis sind.

Wir kennen die Regeln des Chaos. Wir wissen, wie wir uns darin verhalten müssen, um zu überleben.

Wenn du nun einem Menschen begegnest, der dir echte Sicherheit anbietet, passiert etwas Unerwartetes:
Deine Schutzmauern beginnen zu wackeln. Echte Intimität erfordert, dass wir uns weich machen, dass wir uns öffnen und Kontrolle abgeben.

Für dein System, das auf „Gefahr“ programmiert ist, fühlt sich diese Offenheit lebensbedrohlich an. Der Ekel, den du vielleicht empfindest, ist eine Art „Notstopp“ deines Körpers. Er will dich davor bewahren, wieder verletzt zu werden. Er verwechselt die heutige Sicherheit mit der damaligen Gefahr.

Könnte es sein, dass dein Körper den sicheren Partner deshalb ablehnt, weil er Angst hat, in der Nähe die Wachsamkeit zu verlieren?

Zwischen Stress und Sucht:
Warum die Anziehungskraft in einer gesunden Beziehung oft schwächer scheint

Einer der Gründe ist die Chemie in unserem Körper.

Sex  unter Stress – dieses typische „Auf und Ab“ in schwierigen Beziehungen – setzt riesige Mengen an Hormonen frei: Dopamin, Adrenalin und Endorphine fluten unser System.

Diese hormonelle Achterbahnfahrt kann wie eine Droge wirken.
Wenn unser Nervensystem über Jahre an diese extreme Intensität gewöhnt wurde, fühlt sich eine ruhige, sichere Begegnung mit einem wohlwollenden Partner fast „leer“ oder langweilig an.

Dein System ist auf einen hohen Pegel programmiert, oft um negative Gefühle wie Trauer, Einsamkeit oder alten Schmerz zu überdecken. 
Man nutzt den hormonellen Rausch, um sich für einen Moment nicht mehr leer zu fühlen.

Hast du dich schon einmal dabei ertappt, dass du die destruktive Aufregung in einer schwierigen Beziehung mit echter Anziehungskraft verwechselt hast, obwohl es eigentlich nur purer Stress für dein System war?

Die Lücke in der Entwicklung schließen
- Sexualität und Bindung neu verknüpfen

Wenn wir als Kinder oder Jugendliche Gewalt erfahren, wird unsere natürliche sexuelle Entwicklung unterbrochen. Es entsteht eine Lücke. Wir lernen vielleicht, wie man sexuell „funktioniert“ oder wie man sich anpasst, aber wir lernen nicht, wer wir als sexuelle Wesen in Verbundenheit eigentlich sind.

Heilung bedeutet hier oft, diese Entwicklungsschritte im Erwachsenenalter nachzuholen.

Das Schöne ist: Es ist nie zu spät!

Aber wir müssen verstehen, dass ein gesundes Sexualleben ein reguliertes Nervensystem braucht.

Nach der Polyvagal-Theorie brauchen wir einen Zustand der Entspannung, um Intimität wirklich genießen zu können. Wenn unser System chronisch im Alarmzustand ist, kann dieser „Fluss“ der Energie gar nicht entstehen.

Wärst du bereit, Sexualität für einen Moment ganz neu als ein Forschungsfeld zu betrachten, auf dem du erst einmal die ersten vorsichtigen Schritte lernen darfst?

Dein Weg in die Selbstbestimmung:
Wie geht es jetzt weiter?

Der Weg in eine selbstbestimmte, verbundene Sexualität ist kein gerader Pfad, sondern eher eine Entdeckungsreise.

Je nachdem, welches Gepäck du dabeihast, sieht dein nächster Schritt anders aus.

Fall 1:
Du hast bereits eine „Referenz für Sicherheit“

Wenn du bereits weißt, wie sich gesunde Bindung anfühlt – wenn du also Menschen hast, bei denen dein Nervensystem zur Ruhe kommt –, dann ist dein Fundament bereits gebaut.
Dein nächster Schritt ist die Brücke zwischen dieser Sicherheit und deinem Körper.

  • Reflektionsfrage zur Sicherheit:
    Gibt es in deinem Leben einen Moment oder eine Person, bei der dein Körper merklich „ausatmet“? Wie fühlt sich diese Entspannung genau an – ist sie warm, weit, oder vielleicht ganz still?

  • Die Macht des „Stopp“:
    Du darfst trainieren, die Kontrolle zu behalten. Sag dir selbst: „Ich darf jede Berührung in jeder Sekunde stoppen.“ Das nimmt den Druck vom Kessel.

Fall 2:
Wenn „Sicherheit“ sich noch wie ein Märchen anfühlt

Wenn dein System bisher nur Hochspannung, Flucht oder Erstarrung kennt, dann ist Sexualität momentan oft noch ein Schlachtfeld der Überlebensstrategien.
Hier geht es erst einmal darum, überhaupt „Sicherheits-Inseln“ im Alltag zu finden.

  • Reflektionsfrage zum Nervensystem:
    Welche kleine Sache im Alltag signalisiert deinem Körper: „Hier bist du gerade sicher“? Ist es ein Duft, eine schwere Decke oder das Gefühl von festem Boden unter deinen Füßen?

  • Vom Funktionieren zum Spüren:
    Bevor du dich anderen öffnest, darfst du lernen, deinen eigenen Körper wieder als sicheren Ort zu bewohnen – ganz ohne sexuelle Absicht.

Drei kleine Schritte zur Selbstreflektion:
Dein persönlicher Wegweiser

Um das Ganze noch greifbarer zu machen, lade ich dich ein, dir eine der folgenden drei Richtungen auszusuchen.

Welcher dieser Ansätze fühlt sich für dich im Moment am ehesten nach einem behutsamen „Ja“ an?

  1. Die körperliche Rückverbindung (Ohne Anspruch):
    Könntest du dir vorstellen, deinen Körper wieder sanft zum Freund zu machen? Vielleicht durch das bewusste Eincremen deiner Hände?

    • Frage: Kann ich diese neutrale Berührung genießen, einfach nur weil sie mir gut tut?

  2. Dein persönliches Stopp-Signal:
    Welche Sätze könnten dir helfen, deine Grenze zu wahren, wenn es dir zu nah wird?

    • Frage: Welche Worte würden mir helfen, zu sagen: „Ich brauche gerade eine Armlänge Abstand, um mich wieder sicher zu fühlen“?

  3. Die Suche nach der Ressource:
    Wenn alles zu viel wird, brauchen wir einen Anker.

    • Frage: Was ist meine kleinste, sicherste Ressource, auf die ich mich verlassen kann, wenn die Welt um mich herum zu laut oder zu nah wird?

Deine Übung für die Woche:
Die „Anker-Pause“ für dein Nervensystem

Heilung passiert nicht im Kopf, sondern im Nervensystem.

Deshalb möchte ich dir eine kleine Übung mitgeben, die du in den nächsten sieben Tagen ganz spielerisch ausprobieren kannst.

Sie dauert nur zwei Minuten und hilft dir, die Verbindung zu deinem Körper auf eine sichere, kontrollierte Weise zu stärken.

Die Übung:
Den eigenen Raum spüren

  1. Wähle einen sicheren Ort:
    Such dir einen Platz, an dem du für zwei Minuten ungestört bist (dein Sessel, die Parkbank oder auch das Badezimmer).

  2. Die Grenze spüren:
    Lege deine eigenen Hände auf deine Oberarme oder deine Oberschenkel. Drücke ganz sanft, gerade so fest, dass du merkst: „Hier fange ich an, und hier hört die Welt um mich herum auf.“ Das ist deine physische Grenze.

  3. Den Anker finden:
    Schließe die Augen (wenn es sich sicher anfühlt) und frage dich: „Was an mir fühlt sich gerade neutral oder sogar angenehm an?“ Vielleicht ist es nur die Wärme deiner Handflächen oder das Gefühl deiner Füße in den Socken. Konzentriere dich nur auf diesen einen Punkt.

  4. Das „Stopp“ üben:
    Nimm deine Hände bewusst weg und sage dir innerlich (oder leise laut): „Ich bestimme, wann ich berührt werde und wann nicht.“

Warum diese Übung?
Sie trainiert zwei Dinge gleichzeitig: Deine Fähigkeit, Sicherheit im Körper zu finden (die Ressource), und dein Bewusstsein für deine Grenzen (die Selbstbestimmung). Beides sind die Grundpfeiler, um später auch in der Sexualität wieder Boden unter den Füßen zu spüren.

Gemeinsam hinschauen:
Wenn deine Anteile Gehör brauchen

Du musst diesen Weg nicht alleine gehen.

Wenn du merkst, dass der Ekel, die Angst oder die fehlende Anziehung dich immer wieder blockieren, kann es helfen, die inneren Anteile, die dich so vehement beschützen wollen, einmal genauer kennenzulernen.

Als traumasensibler Coach begleite ich dich dabei, Frieden zwischen deinem Wunsch nach Nähe und deinem Schutzbedürfnis zu schließen.

Gemeinsam schauen wir uns die Sprache deiner inneren Anteile an – ohne Druck, in deinem Tempo und in einem absolut sicheren Raum.

Fühlt es sich für dich stimmig an, diesen Anteilen einmal zuzuhören?

Ich lade dich herzlich zu einem unverbindlichen Kennenlerngespräch ein. Lass uns gemeinsam herausfinden, wie du dich wieder sicher und lebendig in deinem Körper fühlen kannst.

Hier findest Du meine Angebote 🌱

Vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit!


Ich bin Nicole.
Ich bin Coach für Neurosystemische Integration, ganzheitlich integrative Traumaarbeit

Ich begleite Menschen, die ihr Leben lang funktioniert und sich angepasst haben. Jetzt suchen sie eine Veränderung.

Sie wirken nach außen stark, sind innerlich aber am Rande der Erschöpfung.

Ich helfe ihnen, den Kreislauf aus Anpassung, Schuldgefühlen und Selbstzweifeln zu verlassen.

So finden sie den inneren Frieden, den sie sich schon lange wünschen.

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